Der Spion-Buchtipp: Eva-Maria Neumann "Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit"

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Coverfoto auf Neumanns Buch
24.08.2008

Eva-Maria Neumann erzählt die bewegende Geschichte ihres gescheiterten Fluchtversuchs aus der DDR. Ihr Bericht über die Methoden der Stasi und ihre Haft im Frauenknast zeugt von einer DDR fernab der piefigen Gemütlichkeit in der "Sonnenallee".

Sie habe das Buch nicht geschrieben, um mit der DDR abzurechnen, betont Eva-Maria Neumann im Nachwort zu ihrem Buch "Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit". Doch die Vorstellung einer weichgespülten DDR, wie sie sich in den letzten Jahren in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt hat, habe ihr Angst gemacht: Mehr und mehr sei das Bild einer Spreewälder-Gurken-DDR, die zwar provinziell und muffig, aber doch ganz gemütlich war, entstanden. Neumann, die noch Jahre nach ihrer Haft unter Depressionen litt, wollte mit dieser falschen Idee aufräumen.

Die Autorin kommt in ihrer Geschichte ganz ohne Pathos und Effektheischerei aus - und doch lässt sie ihre Leser auf bewegende Weise an ihren Erinnerungen teilhaben, durchlebt nochmals merklich die schrecklichen Erfahrungen, die sie nach ihrer Festnahme an der deutsch-deutschen Grenze machte.

"Unsere Tochter sollte in Freiheit aufwachsen."

Ihre Flucht hatten Eva-Maria und ihr Ehemann Rudolf Neumann schon lange geplant. In Rückblenden erzählt die Autorin, die allein schon wegen ihrer christlichen Weltanschauung nicht konform mit der Staatsideologie der DDR war, von den Einschränkungen durch den Staat. Nicht nur weil Kontoauszüge überwacht wurden, man nicht ausreisen durfte und von Kindesbeinen an regelmäßig "Rotlichtbestrahlungen" über sich ergehen lassen musste, beschloss das Ehepaar, ihrer Tochter Constanze ein anderes Leben zu ermöglichen. Auch die Tatsache, dass es in der DDR Zwangsadoptionen gab, veranlasste sie dazu, der Heimat den Rücken kehren zu wollen. Dass man Menschen aufgrund ihrer politischen Haltung die Kinder wegnahm und sie für die leiblichen Eltern unauffindbar machte, erfährt man in Neumanns Buch ebenso fast nebenbei, wie die Tatsache, dass DDR-Gerichte 250 Todesurteile verhängten, von denen etwa 200 durchgeführt wurden. Auch politische Häftlinge fanden auf diese Weise ihren Tod.

Ein weiterer Umstand machte dem Ehepaar das Leben in der DDR unerträglich: Weil Rudolf, Dozent an einer angesehenen Musikhochschule, in seiner Dissertation auf lobende Worte über den Staat verzichtete, ließ man ihn die Schrift mehrfach überarbeiten.

Ständige Schikane

Im Kofferraum eines Mercedes versuchen Eva-Maria und Rudolf im Februar 1977 mit ihrer fast vierjährigen Tochter die Flucht in den Westen. An der Grenze werden sie erwischt, abgeführt und getrennt. Constanze wird zu ihren Großeltern gebracht. Nun beginnt eine Odyssee von Erniedrigungen, Leid und Unmenschlichkeit, die Neumann vergegenwärtigend im Präsens erzählt.

Eva-Maria Neumann kommt in ein Leipziger Untersuchungsgefängnis und ist fortan ständiger Schikane ausgesetzt. Die Stasi will sie zum Reden bewegen, mit allen Mitteln wird sie mürbe gemacht und eingeschüchtert. Man verhört sie ständig und versucht, sie mit einem Wiedersehen mit Constanze zu erpressen. Durch ein Guckloch in der Zellentür wird sie unablässig beobachtet - selbst beim Toilettengang lässt man sie nicht in Ruhe. Es gibt weder ausreichend Essen noch Ausgang an der frischen Luft, und die Wärter halten die junge Frau nächtelang vom Schlafen ab. Fotos vom Untersuchungsgefängnis in Leipzig veranschaulichen Neumanns Erzählungen. (Ein Besuch in den Stasi-Gedenkstätten, zum Beispiel in Berlin-Hohenschönhausen oder Rostock, bringt die Haftbedingungen und Foltermethoden in den Stasi-Gefängnissen natürlich ungleich näher und ist sehr zu empfehlen.)

Eva-Maria Neumann hat bald nach ihrer Inhaftierung mit ernsten gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Die damals 25-Jährige erkrankt an Gelenkrheuma und kann ihre Hände kaum noch bewegen. Ein harter Schlag für die Geigerin, die nun befürchtet, dass sie nie wieder spielen können wird.

Inmitten der vielen Sorgen und der Verzweiflung sind einige Knastfreundschaften und das ausgeklügelte Klopfsystem, mit dem auch Eva-Maria sich bald mit den Zellennachbarn zu verständigen lernt, ein minimaler Trost. Rudolf, der im selben Untersuchungsgefängnis sitzt, hinterlässt Eva winzige, in die grauen Mauern des Freihofs geritzte Botschaften und pfeift Melodien, um Eva von seiner Nähe zu vergewissern.

Knastalltag in Hoheneck

Nachdem Eva zu drei, Rudolf zu dreieinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt werden, kommt die Autorin nach Hoheneck, in den mutmaßlich schlimmsten Frauenknast der DDR. Hier gilt die Auffassung "Lieber zehn Mörderinnen als eine Republikflüchtige" - entsprechend mies fällt Evas medizinische Behandlung aus, entsprechend oft gerät sie in Konflikt mit den Gefängnisaufseherinnen, die von den Häftlingen "Wachteln" genannt werden. Eva-Marias Gedanken sind geprägt von einem schlechten Gewissen gegenüber Constanze. Noch Jahre nach dem Freikauf wird das Mädchen seine Eltern abends nicht gehen lassen, aus Angst, dass sie womöglich nicht wiederkehren. Gewissensbisse plagen Eva-Maria aber auch deshalb, weil ihre Eltern seit dem Fluchtversuch ebenfalls Schikane von Seiten der Stasi erfahren.

Zum Knastalltag gehört auch das ständige, unfreiwillige Spiel mit der Kommunikation. Weil kaum ein Brief durch die Zensur geht, sind die Häftlinge gezwungen, auf eine metaphorisch überhöhte, codierte Sprache zurückzugreifen.

Inmitten ihres Berichts regt Neumann mit Exkursen über den DDR-Staat immer wieder dazu an, bestimmte, gemeinhin als gut und fortschrittlich angesehene, gesellschaftliche Leistungen der DDR zu überdenken. War es wirklich emanzipiert und fortschrittlich, die Löhne der Männer niedrig zu halten, sodass Frauen in der DDR arbeiten gehen und ihre Kinder mehrere Stunden am Tag in die Obhut des Staates geben mussten? War es nicht vielmehr das Ziel der DDR-Machthaber, sich einen leichteren ideologischen Zugang zu den Kleinsten zu verschaffen?

Der Mensch in der Diktatur

Eva-Maria und Rudolf Neumann werden 1978 von der Bundesrepublik freigekauft. Bis 1989, verrät die Autorin, habe die Bundesrepublik 3 436 900 755 D-Mark für 33 755 politische Häftlinge aus der DDR bezahlt.

Mit ihrem autobiographischen Buch setzt die Autorin der weit verbreiteten "Ostalgie" einen erschütternden Tatsachenbericht entgegen. Neumann hatte aber einen weiteren Beweggrund, ihre Geschichte zu erzählen. Noch inhaftiert, ließ sie sich vor einem Aufseher zu der Aussage hinreißen, Kommunisten seien rot lackierte Nazis. Ihr Großvater war unter den Nazis umgekommen, ihre Familie war also Opfer beider deutscher Dikaturen. "Ich wollte am Beispiel meiner Familie zeigen, welchen geringen Stellenwert der einzelne Mensch in den beiden deutschen Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts besaß", so Neumann. Beides ist ihr gelungen.

Eva-Maria Neumann: "Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit." Autobiographie. (Pendo, 2007).

(sh)
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